Meine Besteigung des Kilimanjaro

Heinrich Schimpf im November 2020

Der Gipfel

Ich hatte ab und zu auf Facebook einen Werbebeitrag „Tansania vermisst seine Touristen“ gesehen und Lust gekriegt einen schon lange bestehenden Traum anzupacken. Nämlich auf den Kilimandscharo zu steigen. Einen Flug zu kriegen, war nicht ganz einfach.  Qatar Airways war die einzige Möglichkeit und einige Stunden Zwischenlandung Doha und dann wieder in Daressalam waren unvermeidlich.

Die Woche bis zum Abflug war aufregend, es hätte gut sein können, dass wegen Corona der Flug oder die Ausreise unmöglich geworden wäre. Aber dann saß ich im Flugzeug mit Maske und Gesichtsschild wie alle anderen auch, und es war recht erträglich, ich dachte sogar das sei ein gewisses Training für die dünne Luft in der Höhe, da man ja seine eigene Ausatemluft zum großen Teil wieder einatmet.

In Doha war es recht gespenstisch, der Flughafen nicht sehr voll aber nicht so leer wie der in Frankfurt. Alle hatten Masken auf und überall standen Desinfektionsmittel. In Dar-es-Salaam dagegen wirkte alles recht normal, ich hatte 6 Stunden Aufenthalt und in die Stadt war von Corona nichts zu bemerken. Ein Taxifahrer, mit dem ich sprach, war stolz auf sein Land, das nicht unter Corona leidet. Über Arusha kam ich dann nach Moschi.

Da ich nichts vorbereitet hatte, nahm ich ein Motorradtaxi und lies mich durch die Stadt fahren. Als ich ein Hotel, das Climbers Home hieß sah, wusste ich, das ist der rechte Ort für mich. Ich sprach mit dem Inhaber Erasto, (ein Video von ihm füge ich dem Blog bei.) und er konnte mir eine Kilimandscharo Besteigung für den nächsten Tag organisieren, ich konnte auch, bevor ich etwas fest machte, den Guide so Sungu kennenlernen, der mir von Anfang an sympathisch war. (Ein Video mit ihm ist hier auch zu sehen .)

Tag 1 der Tour

Der Aufstieg vom Machame Gate 1800m zur ersten Übernachtung im Machame Camp auf 3000m fiel mir leicht. Es war ja noch keine dünne Luft und ich war gut vorbereitet, hatte die Strecke eines Halbmarathons kurz vorher mal zurückgelegt um meine Kondition zu testen. Zeitweise regnet es und ich war froh, dass ich einen Regenponcho mitgebracht hatte. Die Temperatur war angenehm und es war nett immer wieder andere Bergsteiger zu treffen. Das wäre in anderen Jahren anders gewesen, wenn jeden Tag 500 Menschen diese Route beginnen. Jetzt waren es nur so 8 bis 10. Und natürlich die Guides und Träger.

In der Tradition des Kilimanjarostourismus hat jeder einen Guide, einen Koch und zwei Träger, da die Zelte immer mit hochgetragen und auch wieder runtergetragen werden. Man könnte sagen es ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, aber so hat wohl jeder Berg seine besonderen Traditionen. Der Weg am ersten Tag durch den Regenwald war zum großen Teil gut befestigt, das Besteigen des Kilimandscharos ist ja schon seit 100 Jahren möglich und seit vielen Jahren recht beliebt.

Tiere habe ich nicht viele gesehen, aber es war doch schön ein paar Colobus Affen ein paar Blue Monkeys und einige Vögel zu sehen. Bald kamen wir in die Heidekraut Zone, das heißt ca. 3 bis 4 m hohe Heidekraut Sträucher bestimmten die Vegetation. Dazwischen war Gras und kleinere Büsche.  Das Camp besteht aus einer festen Station des Rangers, in der auch ein paar Betten für Notfälle und für seine Kollegen sind und einem großflächiger Zeltplatz mit zahlreichen älteren und neueren Toiletten.

Durch Corona war alles sehr locker, zwischen den Zelten war viel Platz, die wenigen Bergsteiger freuten sich, sich gegenseitig kennenzulernen. Es gab eine Gruppe von vier Holländern, zwei Paaren und ein paar Einzelreisende sowie eine Mutter mit ihrer Tochter aus Russland. Alle freuten sich auf diese Weise dem Corona Stress in ihren Ländern entgangen zu sein und alle waren recht gut vorbereitet, denn ein Berg mit 5880 m ist ja nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit.

Der Komfort war beachtlich, das Zelt war schon aufgebaut, als ich kam, ein Tisch und ein Stuhl standen auch da und das Essen wurde mir bereitet. Sungu hatte mich schon am Abend nach meinen Essenswünschen befragt. Man könnte fast ein schlechtes Gewissen kriegen, wenn nicht alle immer gesagt hätten, wie sehr sie sich freuen, dass wieder ein paar Touristen da sind.

Mein Guide Sungu spricht von seiner Arbeit als Bergführer

Am nächsten Morgen ging es nach einem Frühstück und ein bisschen Freizeit weiter in Richtung Shira Camp in 3800m Höhe. Der Weg war zum Teil ziemlich steil, und langsam begann man zu spüren, dass die Luft dünner wurde. Einige Träger überholten mich nach ein paar Stunden. Sie hatten noch die Zelte abgebaut und sich Zeit gelassen und liefen jetzt mit ihren bis zu 15 Kilo Ladung recht leichtfüßig den Berg hinauf.

Ich erfuhr, dass jeder, der Bergführer werden will, erst einmal drei Jahre als Träger sich arbeiten muss. Nicht unbedingt als Haupttätigkeit, aber zumindest einige Touren muss er gemacht haben. Dann kann er einen Kurs, in dem er über Sport, Gesundheit und die Vegetation und vieles andere lernt, über mehrere Monate absolvieren und eine Prüfung machen. wenn er bestanden hat, ist er Bergführer und kann hoffen Aufträge zu erhalten.

Dieser dritte Tag fiel mir relativ leicht und ich gewann langsam die Überzeugung, dass ich es schaffen würde. Ich war ja losgefahren, ohne mir sicher zu sein, ob ich mit meinen 68 Jahren dazu in der Lage wäre auf dem Gipfel in 5880 m anzukommen.

Die Nacht im Shira Camp war toll, es war sternklarer Himmel, ein beeindruckend riesiger Mond, es war fast Vollmond und spannende Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, die sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatten. Früher hatte es in den Camps Alkohol gegeben, aber ich vermisste ihn nicht. Der nächste Tag war eine heftige Bewährungsprobe, es ging zum Lava Tower, in ungefähr 4500 m Höhe. Auf dieser Route war diese Schwierigkeit eingebaut, das heißt man konnte sich schon mal in Höhenluft erproben.

Der Abstieg durch ein alpin bewachsenes, recht romantisches Tal mit großen Senecien und Lobelien gab mir mein Selbstbewusstsein zurück. Die Nacht verbrachten wir im Baranco Camp.

Der nächste Tag war der anstrengendste: es war die Barranco Wall, eine Felsmauer zu umgehen und teilweise zu überqueren. Dann gab es eine kurze Pause im extra dafür aufgebauten Zelt, wo ich mich eine Stunde hinlegen konnte und weiter ging es zum Basislager, dem Baraf Camp, von dem es dann um Mitternacht weiter zum Gipfel gehen sollte. Aber so kam es nicht.

Der Aufstieg auf 4600m nach der vorherigen Belastung stellte sich als zu anstrengend heraus. Als ich gegen 16 Uhr ankam, war ich völlig fertig und legte mich sofort ins Zelt und ging davon aus, dass ich den Gipfel nie erreichen würde. Zwischen 16 Uhr und 23 Uhr ging mein Puls nicht unter 110, obwohl ich die ganze Zeit im Bett lag. Auch hatte ich Kopfschmerzen, allerdings viel weniger, als ich erwartet hatte. Ich sagte meinem Guide, dass ich davon ausgehe, dass ich es nicht schaffen würde. Er versuchte mir Mut zu machen und als wir uns um Mitternacht, als die anderen loszogen, noch mal sprachen, hatte ich auch wieder Hoffnung, da es mir inzwischen wieder besser ging.

Ich schlief dann überraschend gut bis morgens um 6 Uhr, und um 7 Uhr machten wir uns auf den Weg. Sumo war wieder sehr angenehm, er überließ es mir, meine Geschwindigkeit zu finden, nervte mich nicht mit ständigem pola-pola, wie das einige der anderen Guides taten, „pola-pola“ heißt auf Kisuaheli „langsam langsam“.

Ich versuchte meine Geschwindigkeit mit der Pulsuhr abzustimmen, versuchte nicht über 140 Schläge pro Minute zu kommen. Diese Methode ermöglichte mir, weitgehend ohne Kopfschmerzen diesen Tag zu überstehen. Natürlich achtete ich sorgfältig darauf, genug aus meinem Wasserrucksack zu trinken.  Der Weg war manchmal steil, das heißt man musste 40 cm hohe Stufen hoch gehen, manchmal war er fast wie ein Spaziergang nur ein bisschen steil. Oft bestand der Weg aus feinerem oder gröberem Schotter. Kurz nach Mittag kamen wir bei Stellapoint an, der immerhin schon mehr als 5300 m hoch ist.

Wir trafen fast niemanden, die Träger gingen natürlich nicht mit auf den Berg. Einige andere Bergsteiger, die um Mitternacht losgezogen waren und gegen Sonnenaufgang die Gipfel erreicht hatten, kamen entgegen. Das letzte Stück von Stella Point zur Uhruru- also Freiheits-Spitze, die übrigens in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft Kaiser-Wilhelm-Spitze geheißen hatte , war nicht sehr steil aber überraschend anstrengend. Da waren merkwürdige Schneestrukturen, ca. 60- 70 cm hohe kleine Schneetürme, zwischen denen man kaum durchgehen konnte, da sie dicht an dicht standen.

Doch dann kam der Gipfel mit wunderbarem Ausblick und dem Gefühl es geschafft zu haben. Der Abstieg war anstrengend, da die Tour insgesamt, bis ich wieder am Baraf Camp ankam, 12 Stunden gedauert hatte. Es war Nacht und ich hatte zeitweilig Angst, dass wir unsere Zelte nicht mehr finden, Sungu behielt natürlich die Ruhe.

Nach dem Gipfel
Ein paar Gedanken nach dem Gipfel

Überraschenderweise schlief ich hervorragend. Am nächsten Morgen begann der lange Abstieg. Ich genoss noch den Luxus von Wassermelonenschnitzen in 4600m Höhe. Die Anstrengung besteht in den fast 3000 Höhenmetern zum Gate. Der Weg ist oft steil, das heißt es gibt Stufen die ca. 40 bis 50 cm tief sind und ich lernte Muskeln kennen, von denen ich nichts geahnt hatte. In der Ferne konnte man die abgebrannten, von Heidekraut bestandenen Gegenden der Sirimon Route sehen, ich weiß nicht, wie groß die abgebrannte Fläche genau ist, die Guides und Träger waren nicht sehr beunruhigt, von Deutschland aus, war es viel katastrophaler erschienen. Allerdings waren ein paar Hütten abgebrannt, was die Guides am schlimmsten fanden, da auf dieser Route nicht in Zelten sondern in Hütten übernachtet wird.
 

Mein Bergführer Sungu

Sungu erzählte mir einiges über sein Leben, ließ sich gutmütig ausfragen und war wie immer ein angenehmer Begleiter. Ich erfuhr, dass die meisten Menschen, die er kennt nur zwei oder drei Kinder haben, er selbst hatte drei, mehr sind zu teuer, da man Wert darauflegt, seine Kinder in eine gute Schule zu schicken. Seine Frau ist Lehrerin in einem Kindergarten, in dem die Kinder von Montag bis Freitag ohne Unterbrechung sind. Er kann nicht verstehen, warum man seinen Kindern so etwas antut. Nur seine große Tochter sei in Daresalam in einem Internat, aber die sei schon 17. Auch erzählte er mir von seinen Zukunftsplänen: er würde gerne das Land seines Vaters zum Anbau von Gemüse und Bäumen nutzen und noch ein paar mehr Tiere haben. Zur Zeit hat er ungefähr 25 Schweine. So kam ich dann recht müde gegen 16 Uhr am Gate an und statt des Mittagessens im Park gab es Abendessen im Climbers Home und es war doch schön nach der Anstrengung wieder warm zu duschen.

Der luxuriöse Kilimanjaro Tourismus gibt zwar seinen Gästen morgens und abends eine Schüssel warmes Wasser, selbst in 4600m Höhe, aber die letzten drei Tage hatte ich mich kaum gewaschen, da die Anstrengungen auch ohne groß genug waren. Beim Essen konnte ich von der Dachterrasse des Hostels den Kilimandscharo Gipfel im Abendlicht sehen und es schien alles fast unwirklich.

Der Gipfel gesehen aus dem Restaurat im Climbers Home Hostel
Erasto, der Besitzer des Hostels Climbers Home Hostel

Noch ein paar Extras, für die, die noch nicht genug haben

In 4600 m Höhe
Gedanken zum Guten Menschen
Sungu zeigt, wie er in 3000 m Höhe joggt
Tag 2

Nach dem regen am ersten Tag trockneten wir unsere Kleidung.

Tag vier vor der Überwindung der Barranco Wall

Noch ein Video

der Abstieg vom Gipfel auf ca 4800 m