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Mein Nazi Onkel

Nachdenken über einen echten Nazi

Als ich acht oder neun Jahre alt war, wurde ich zum ersten Mal zu meinem Onkel Erwin nach Schönbrunn bei Crailsheim in die Ferien geschickt. Ich wusste, dass einige meiner Cousins und Cousinen dort gewesen waren. Warum er ein Onkel war, obwohl er nicht zur Verwandtschaft gehörte, wusste ich damals nicht. Onkel Erwin lebte mit seiner Frau und einer anderen Frau in einem kleinen Dörfchen, das nur aus fünf Bauernhäusern bestand. Ich weiß nicht, ob diese Frau seine Schwester oder seine Schwägerin war. Seine Tochter Erna war fünf oder sechs Jahre älter als ich, ich glaube ich spürte damals schon, dass er sie als Mädchen nicht sehr schätzte. Er hatte neun Kühe, einige Kälber, ca. vier Mutter Schweine und eine Menge Ferkel. Er besaß zwei alte kleine Traktoren und eine Anzahl kleine Felder und Wiesen.

Glückliche Zeit beim Nazionkel

Für mich war es eine schöne Zeit, wohl nicht zuletzt, weil er mich als Jungen sehr schätzte, da er sich selber einen Jungen gewünscht hätte. Er nahm ich immer auf dem Traktor mit und ich durfte bald auf der Wiese auch selbst ein Stück Traktor fahren. Bald durfte ich morgens auch die Kühe selbstständig auf die Weide bringen. Auf der Leitkuh Alma durfte ich reiten. Überhaupt liebt er diese Alma sehr, sie war seine erste Kuh, als er nach dem Krieg in Schönbrunn angefangen hatte. Ich legte mich mittags manchmal auf Alma und ließ mich wie ein Kälbchen von ihr lecken.

warum war er Nazi ?

Ich war vermutlich fünfmal bei Onkel Erwin in Ferien. Manchmal im Sommer manchmal in den Osterferien. Bei den späteren Malen versuchte er mit mir über Politik zu sprechen. Er erzählte mir von Palästina, wo er aufgewachsen war. Von den dort lebenden Arabern, die viel weniger effektiv waren, als die Templer, zu den er gehörte. Von den Juden, die auch nicht so viel auf die Reihe brachten, aber deutlich mehr als die Araber. Er erzählte mir, dass die Juden, wenn sie einen eigenen Staat hätten, damit sicherlich nicht zurechtkommen würden, dass sie nicht arbeiten könnten. Es wirkte nicht sehr hassbetont, eher freundlich herablassend.

die Judenverfolgung

Erst bei meinem letzten Aufenthalt, als ich elf war und schon ein bisschen was von Geschichte gehört hatte, kamen wir auf die Judenverfolgung zu sprechen und er sagte mir, dass die Tötung mit Gas ja relativ human war. Er erzählte von allerlei grausamen Tötungen, die Deutschen widerfahren waren. Er diskutierte freundlich und offen, ich fühlte mich vermutlich etwas ratlos, da ich inzwischen ins Gymnasium ging, und, da Claus von Stauffenberg zeitweilig Schüler dieser Schule gewesen war, über die Gräuel der Nazizeit schon einiges erfahren hatte. Da ich versuchte etwas dagegen zu halten, wurde ich von Onkel Erwin und seiner Familie als Oberschlauer verspottet. Auch über die Tatsache, dass ich Latein in der Schule lernte, wurde gelästert.

Onkel Erwin schrieb mir einige Jahre später, inzwischen verbrachte ich meine Ferien nicht mehr bei ihm, sondern im Jugendbund für Naturbeobachtung, einen Brief. Er erzählte, dass er sich mit mir immer so gerne politisch unterhalten habe. Ich antwortete ihm nicht. Es war mir peinlich, dass ich mich in diesem Haus zeitweilig recht wohlgefühlt hatte.

dem Führer ein Kind schenken

Viel später habe ich erfahren, wie Onkel Erwin zum Onkel wurde. Meine Tante hatte sich im Rahmen der Aktion Lebensborn (dem Führer ein Kind schenken) 1941 von ihm schwängern lassen. Irgendwie blieb Onkel Erwin nicht nur mit der Tochter und der von ihm geschwängerten Frau, sondern auch mit der Verwandtschaft dieser Frau verbunden. In der hungrigen Zeit nach dem Krieg wurde wohl diese Verbindung zu einem Landwirt gerne genutzt. So konnten sich die Kinder einmal satt essen. Ich verstand jetzt auch besser, warum die Tochter und die Ehefrau von Erwin nicht immer so freundlich waren.

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