Kategorien
Allgemein

Rezension Afrika Kitabu

Ein Gastkommentar von Luise Sommer

Afrika Kitabu („Erzählung“ auf Suaheli) ist 1966 zum ersten Mal erschienen. Der Autor, Jean-Pierre Hallet, beschreibt seinen Aufenthalt in Zentralafrika, vom Kongo bis Kenia, in der Zeit von 1948 bis zum Juni 1960, ein paar Tage nachdem der Kongo seine Unabhängigkeit erwarb.

Hallet verlebte eine „herrliche Kindheit“ unter einheimischen Spielkameraden in Kisenyi, an der Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo, wo sein Vater, der bekannte Maler Andre Hallet, seine Wahlheimat gefunden hatte. Mit sechs Jahren weigerte sich der Junge, Französisch zu sprechen, so schickten ihn seine Eltern zu Verwandten nach Belgien, um für eine europäische Erziehung und Ausbildung zu sorgen. Nach dem Studium in Brüssel und Frankreich kam er als Agronom und Soziologe nach Afrika zurück und startete als belgischer Kolonialbeamter. Nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit kündigte er, weil er nicht genügend Unterstützung für sein Engagement für die benachteiligte Minderheit der Pygmäen erhielt. Er sattelte um und gründete eine Kette von Souvenirläden, die er erfolgreich betrieb und so die Mittel für sein Pygmäenprojekt und inzwischen auch für den Erhalt der afrikanischen Tierwelt erwirtschaften konnte. In den Wirren und Tumulten während der Tage nach Beginn der Unabhängigkeit gelang es ihm, unter abenteuerlichen Umständen sein Leben und seine Kunstsammlung zu retten und nach den USA zu emigrieren.

Hallet war ein Tausendsassa, ein sehr begabter Mensch, der in vielen Bereichen Außergewöhnliches leistete, was jeweils für eine Reputation gereicht hätte. Als 16-jähriger ging er in den Widerstand und später in die reguläre Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland, und erhielt mehrere Tapferkeitsauszeichnungen. Neben seiner Muttersprache französisch sprach er englisch und 6 afrikanische Sprachen. Ethnologisch interessiert wurde er Mitglied mehrerer Stammesbünde, lebte 18 Monate als Pygmäe unter Pygmäen und verfasste Standardwerke über deren Sprache und Kultur. Er war genialer Tierflüsterer (so würde man das heute nennen), schuf die bedeutendste Sammlung afrikanischer Kunst, war Weltreisender durch Asien, Europa, Amerika und ein Menschenfreund, der für seine humanen Aktivitäten für den Nobelpreis nominiert wurde.  

Sein Buch liest sich sehr unterhaltsam, mit Humor und Blick für Absurditäten gespickt. Berühmt wurde es wohl durch die Schilderungen seiner Abenteuer: Um einen Eingeborenen zu retten, lässt er sich auf einen Ringkampf mit einem Leoparden ein. Er tötet „als Massai“ einen Löwen mit einem Speer. Er überlebt dank Pygmäen-Chirurgie einen Treffer durch einen vergifteten Pfeil. Um die Hungersnot eines Stammes zu lindern, organisiert er (verbotene) Fischzüge mit Dynamit, wobei die letzte Ladung auf dem Boot in seinen Händen explodiert. Als er wieder auftaucht, übersät mit Splittern, sieht er auf einem Auge nichts mehr, hört auf einem Ohr nichts mehr, und hat keine rechte Hand mehr. In diesem Zustand schafft er es, den Krokodilen zu entkommen und sieht sich auf sich gestellt, denn seine Helfer sind blitzesartig im Busch verschwunden. Er sucht eine Missionsstation auf, um einen Fahrer zu finden. Als der Missionar ihn sieht, fällt er in Ohnmacht. Also schaffte Hallet es alleine, 230 Meilen durch die Berge das nächste Krankenhaus zu erreichen. Dort fiel dann er verdient in Ohnmacht für die nächsten zwei Wochen, während er operiert wurde.

Diese Schilderungen eines unbedingten Überlebenswillens haben mich sehr beeindruckt. Sie sind schwer vorstellbar für Menschen in unserer Zeit, die kaum in  solche extrem bedrohenden Situationen geraten.

Absolut lesenswert auch für historisch Interessierte, zeichnet Hallet ein recht anderes Bild von der Situation in den Kolonien Afrikas, als das was uns geläufig ist. Seine Berichte, getragen von einem tiefen Respekt für die Menschen dort, und ebenso respektiert von ihnen, lassen auch einen anderen Blick auf die Probleme des heutigen Afrika zu. Folgendes Zitat charakterisiert den Autor ganz gut:

„„Hallet wird als letzter gehen“, war die allgemeine Ansicht, da er bei allen Eingeborenen, die ihn kennen – und er ist weithin bekannt – hohes Ansehen genießt. „Wenn er geht, dann wissen, wir, dass der Kongo am Ende ist“, so hat es immer geheißen. Und jetzt ist Hallet gegangen……“ (Afrikanisches Leben, Band IV, Nr. 1, 1960)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.