Eine Frage, über die sich niemand wagt, offen zu sprechen.

Es stimmt nicht, dass sich niemand wagt, Joschka Fischer und Henry Kissinger haben sich durchaus getraut. Aber das kommt später.

Die Frage ist, was macht man mit allzu erfolgreichen Bevölkerungsanteilen, um ein allzu großes Ungleichgewicht in einem Land oder zwischen Ländern zu vermeiden. Man kann die Gleichheit, und das machen wohl  alle Gesellschaften, durch Steuern in einem gewissen Maß vermehren.  Also Erbschaftssteuern und progressive Gewinnsteuern erheben. Das hat zwar den Nachteil, dass es die Gesamtwirtschaft in ihre Dynamik behindert, aber, wenn man es nicht zu ausgeprägt macht, funktioniert es ganz gut. Zwischen Ländern und Regionen ist es noch schwieriger.

Nun zu Joschka Fischer und Henry Kissinger:

Was Fischer betrifft, ist seine Auffassung mit dem Titel seines Buches „Risiko Deutschland“ wohl ebenso knapp wie treffend beschrieben. Zwar hat er – zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Zentrum für Vertreibungen, das er, ein ungarndeutsches Flüchtlingskind, energisch ablehnt – keinen Zweifel an Deutschlands demokratischer Festigung. Aber es bleibt eben beim „Risiko“, das nur durch Westbindung und europäische Integration einzuhegen sei: „Eine deutsche demokratische Linke, die diese beiden historischen Grundbedingungen der bundesrepublikanischen Politik nicht mit Klauen und Zähnen verteidigt, muß von Sinnen sein, denn sie würde nicht nur das Land, sondern auch sich selbst erneut in eine schlimme Gefahrenlage bringen.“ Deutschland muß von außen eingehegt, und innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi „verdünnt“ werden. Die „schlimmen Gefahren“ sind die Leitlinie von Joschkas Fischers Politik; deshalb begründete er die Intervention im Kosovo mit Auschwitz, und vielleicht liegt ihm auch deshalb die deutsche Sicherheit nicht so besonders am Herzen.  Zitiert aus Die Welt: Risiko Deutschland“ – Joschka Fischer in Bedrängnis Veröffentlicht am 07.02.2005 Von Mariam Lau

Ich zitiere so lange, da immer wieder behauptet wird, dass das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen sei.

Und Henry Kissinger sagte:

„Letztendlich wurden zwei Weltkriege geführt, um eben das, eine dominante Rolle Deutschlands, zu verhindern.“

Das andere Zitat, von Kissinger, das man öfters hört, über die Problematik der weißen Überlegenheit, habe ich nicht gefunden, es ist auch umstritten.

Klar ist jedenfalls, dass solche Ungleichgewichte problematisch  und schwierig zu bekämpfen sind. Beispiele gibt es zuhauf: die Inder und die Weißen in vielen afrikanischen Staaten. Auch das Thema der die Hutu beherrschenden Tutsi in Ruanda fällt in diese Kategorie. Die weißen Kolonisatoren in Australien und Amerika sind ein anderes Beispiel. Auch die wirtschaftliche Überlegenheit der nordeuropäischen Staaten über die südeuropäischen kann man hier einordnen. Und, was wir in Deutschland natürlich schwer sagen können, die Juden in Deutschland um 1900. Über alle diese Beispiele ist schwer zu sprechen, und es ist schwer erst einmal darüber nachzudenken, bevor man das Nachdenken versucht mit der moralischen Keule zu unterbinden.

Die Gründe für diese Überlegenheit können unterschiedlich sein. Bei der weißen Einwanderung in Australien und Amerika war es natürlich überwiegend die technologische Überlegenheit über Steinzeitvölker. Bei der weißen oder jüdischen Dominanz in bestimmten Ländern oder auf bestimmten Sektoren, wie auch bei der Überlegenheit der Tutsi über die Hutu in Ruanda ist das komplizierter. In einem egalitären System, wie der Demokratie, denkt man ungern daran, dass es erhebliche Unterschiede geben könnte. Wir können da froh sein, dass es keine Neandertaler mehr gibt. Auch die durch religiöse und andere Traditionen bedingten Unterschiede des Erfolgs im Konkurrenzkampf bedenkt man ungern. Und Dinge die man ungern bedenkt machen oft Probleme.

Mein Nazi Onkel

Als ich acht oder neun Jahre alt war, wurde ich zum ersten Mal zu meinem Onkel Erwin nach Schönbrunn bei Crailsheim in die Ferien geschickt. Ich wusste, dass einige meiner Cousins und Cousinen dort gewesen waren, warum er ein Onkel war, obwohl er nicht zur Verwandtschaft gehörte, wusste ich damals nicht. Onkel Erwin lebte mit seiner Frau und einer anderen Frau, ich weiß nich, tob es seine Schwester oder seine Schwägerin war, in einem kleinen Dörfchen, das nur aus fünf Bauernhäusern bestand. Seine Tochter Erna war fünf oder sechs Jahre älter als ich, ich glaube ich spürte damals schon, dass er sie als Mädchen nicht sehr schätzte. Er hatte neun Kühe, einige Kälber, ca. vier Mutter Schweine und eine Menge Ferkel. Er besaß zwei alte kleine Traktoren und eine Anzahl kleine Felder und Wiesen. Für mich war es eine schöne Zeit, wohl nicht zuletzt, weil er mich als Jungen sehr schätzte, da er sich selber einen Jungen gewünscht hätte. Er nahm ich immer auf dem Traktor mit und ich durfte bald auf der Wiese auch selbst ein Stück Traktor fahren. Wald durfte ich morgens auch die Kühe selbstständig auf die Weide bringen, wobei ich, wie die anderen Kinder,die er oft auf seinem Bauernhof hatte, die allerdings nicht gleichzeitig mit mir da waren, auf derAlma, der Leitkuh reiten konnte. Überhaupt liebt er diese Alma sehr, sie war seine erste Kuh als er nach dem Krieg in Schönbrunn angefangen hatte. Ich legte mich mittags manchmal auf Alma und ließ mich wie ein Kälbchen von ihr lecken.

Ich war vermutlich fünfmal bei Onkel Erwin in Ferien. Manchmal im Sommer manchmal in den Osterferien. Bei den späteren Malen versuchte er mit mir über Politik zu sprechen. Er erzählte mir, aus Palästina, wo er aufgewachsen war. Von den dort lebenden Arabern, die viel weniger effektiv waren, als die Templer zu den er gehörte. Von den Juden, die auch nicht so viel auf die Reihe brachten, aber deutlich mehr als die Araber. Er erzählte mir, dass die Juden, wenn sie einen eigenen Staat hätten, damit sicherlich nicht zurechtkommen würden, dass sie nicht arbeiten könnten. Es wirkte nicht sehr Hass betont, eher freundlich herablassend. Erst bei meinem letzten Aufenthalt als ich elf war und schon ein bisschen was von Geschichte gehört hatte, kamen wir auf die Judenverfolgung zu sprechen und er sagte mir, dass die Tötung mit Gas ja relativ human war. Er erzählte von allerlei grausamen Tötungen, die Deutschen widerfahren waren. Er diskutierte freundlich und offen, ich fühlte mich vermutlich etwas ratlos, da ich inzwischen ins Gymnasium ging, und, da Claus von Stauffenberg zeitweilig Schüler dieser Schule gewesen war, über die Gräuel der Nazizeit schon einiges erfahren hatte. Da ich versuchte etwas dagegen zu halten, wurde ich von Onkel Erwin und seiner Familie als Oberschlauer verspottet. Auch über die Tatsache, dass ich Latein in der Schule lernte, wurde gelästert.

Als Onkel Erwin mir einige Jahre später, inzwischen verbrachte ich meine Ferien nicht mehr bei ihm sondern in Jugendbund für Naturbeobachtung, einen Brief schrieb, in dem er erzählte, dass er sich mit mir immer so gerne politisch unterhalten habe, antwortete ich ihm nicht. Es war mir peinlich, dass ich mich in diesem Haus zeitweilig recht wohlgefühlt hatte.

Viel später habe ich erfahren, wie Onkel Erwin zum Onkel wurde. Meine Tante hatte sich im Rahmen der Aktion Lebensborn 1941 von ihm schwängern lassen. Irgendwie blieb Onkel Erwin nicht nur mit der Tochter und der von ihm geschwängerten Frau, sondern auch mit der Verwandtschaft dieser Frau verbunden. In der hungrigen Zeit nach dem Krieg wurde wohl diese Verbindung zu einem Landwirt gerne genutzt, damit sich die Kinder einmal satt essen können. Ich verstand jetzt auch besser, warum die Tochter und die Ehefrau von Erwin nicht immer so freundlich waren.

Die Winterreise


Alle, die mich besser kennen, wissen ja, dass die Winterreise das wichtigste Musikstück in meinem Leben ist. Als ich mal bei einer Schüleraufführung ein Stück daraus vortrug , erwähnte ich, dass Wilhelm Müller viele psychische Inhalte gut verstanden hat, besser als mancher Psychotherapeut.

Ein im Prinzip kluger Mensch antwortete mir darauf einige Tage später in einem Brief, dass ich die Winterreise missverstünde, sie handle von der der unter Fürst Metternich misstrauischen und von Spitzeln durch wachsenen österreichischen Situation in diesen Jahren. Er hatte sicher recht, dass in die Winterreise dieses Element einfließt, aber ich bin noch heute, wenn ich an diese Situation denke, darüber schockiert, wie ein kluger Mensch so denken kann. Wie er nicht in der Lage sein kann, zu erkennen, dass ein Gedicht beides sein kann: eine Aussage zu einer besonderen psychischen Situation eines Individuums und auch zu einer besonderen Situation einer Gesellschaft. Ich glaube dass diese Unfähigkeit auch gesellschaftlich eine große Bedeutung hat, da sie im Denken tief verankert ist .

Was können wir aus dem Vietnamkrieg lernen

Der Vietnamkrieg war eins meiner prägenden Sozialisationsereignisse. Es gab Demonstrationen, die Zeitungen berichteten jeden Tag wie viele Vietnamesen und wie viele Amerikaner gefallen sind, meine Eltern waren pazifistisch und antiamerikanisch, aber ich muss leider zugeben, dass ich zum ersten Mal in den letzten Jahren in einer Weise über den Vietnamkrieg nachgedacht habe, die man zu recht Denken nennen kann. „Was können wir aus dem Vietnamkrieg lernen“ weiterlesen

Politische Überkorrektheit und Genderdebatte

Die Gefahren der politischen Überkorrektheit am Beispiel der Genderdebatte

Vor vielen Jahren habe ich einmal Menschen begutachtet, in Hinsicht auf die Frage, ob eine Geschlechtsumwandlungsoperation für sie von der Kasse bezahlt werden sollte. Damals war gerade ein Stern Artikel über das „dritte Geschlecht“ erschienen und es kamen einige junge Männer, die noch recht wenig wussten, was Frau oder Mann sein überhaupt bedeutet. „Politische Überkorrektheit und Genderdebatte“ weiterlesen

Über 60% Rechtsradikale in Deutschland

Ein Vortrag im Horst Eberhard Richter Institut in Giessen
Gestern, am 13.2.2019 gab es einen Vortrag über rechtspopulistische Strömungen in Deutschland im psychoanalytischen Institut in Gießen. Der Vortragende berichtete von Untersuchungen die ergeben haben, dass rechtsradikales Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sei. Ca 30 % fürchteten Überfremdung, weitere 30% standen diesem Gedanken nicht fern. Diese Aussagen bezeichnet er als rechtsradikal. Dieser Begriff des Rechtsradikalismus wurde nicht erläutert oder in Frage gestellt. Was folgt aus solchem Denken? Dass Rechtsradikalismus böse und gefährlich ist , steht nicht in Frage. Wenn ein so großer Teil der Bevölkerung gefährliche politische Auffassungen hat, darf dieser keine Ausdrucksmöglichkeit in der Öffentlichkeit haben und natürlich keinen Zugang zu den Medien. Eine Diktatur durch die guten und progressiven Kräfte ist geboten.

Die Abschaffung des Kapitalismus und das Institut für Psychoanalyse in Gießen

Bei den aktuellen Auseinandersetzungen und auch schon früher deutete immer mal wieder jemand im Horst Eberhard Richter Institut an, wie schrecklich der Kapitalismus ist. Dem widersprach nie jemand. Ich vermute, dass viele dieser Auffassung nicht zustimmen, aber diejenigen, die sie aussprachen, das mit einem solchen Gestus taten, dass Widersprechen oder Differenzieren sinnlos erschien. Kann man mit dieser Methode Meinungen und Tatsachen schaffen? Oder ist es eine Art von Narrenfreiheit? Es ist ja eine spannende Frage, was es für Alternativen es zum Kapitalismus gibt! Und auch ich bin keinesfalls überzeugt, dass es in 1000 Jahren noch das, was diese Menschen Finanzkapitalismus nennen, gibt. Aber ich finde bei diesen Überlegungen fängt das Nachdenken erst an. Im Institut scheint es aber so zu sein, dass das Nachdenken da aufhört.

Dr. Schiwago

Ich habe eben Doktor Schiwago von Boris Pasternak fertig gelesen, ein großartiges Buch!

Man kann es aus sehr verschiedener Perspektive lesen. Als einen Entwicklungsroman aus der Zeit der russischen Revolutionen, als einen Roman über die Liebe und nicht zuletzt als ein Roman über die russische Revolution und die beginnende Sowjetunion, als einen politischen Roman.

Ich hatte ja in den letzten Jahren anlässlich zweier Unfälle und Verletzungen einige russische Romane gelesen oder wieder gelesen. Dostojewski und Tolstoi insbesondere. Ein russischer Freund sagte mir, dass er Boris Pasternak vor allem für seine Gedichte schätzt, die ich leider, da ich kein Russisch kann, nie werde einschätzen können.

Wenn ich den Roman als politisches Buch lese, beeindruckt mich insbesondere die Tatsache, dass trotz der unsäglichen Gräuel und Untaten die revolutionären, opportunistischen und anderen Akteure nie mit einem hasserfüllten Blick gesehen werden. Es ist ein Versuch den Menschen so zu verstehen wie er ist, in seinem teils dummen teils arroganten Bemühen seine Lage oder vielleicht auch die Welt besser zu machen. Insbesondere ein freundlicher Blick auf den Menschen auf den Menschen in einer der finstersten Zeiten der Menschheitsgeschichte. Einer finsteren Zeit, die aus viel gutem Willen entstanden war, natürlich, da wir Menschen sind, nicht nur aus gutem Willen!

Ich habe den Eindruck, dass das Buch unter anderem deswegen noch nicht den Platz in der Literatur gefunden hat, den es verdient , da es dem Wunsch so vieler Literaturschaffenden und Literaturbeurteilenden, der Kommunismus solle doch etwas Gutes sein, nicht entspricht. Es erinnert mich daran, dass viele, der von mir am meisten geschätzten Autoren, was den Umgang mit der Sowjetunion anbetrifft die Augen zugemacht haben . Ich denke dabei an Sartre, Günter Grass, Böll und viele andere.

Und Jonny ging zum Regenbogen. Der Roman von Johannes Mario Simmel.

Ich habe in den letzten Wochen(Dez.2018) ein Buch von Johann Mario Simmel gelesen: „Und Jonny ging zum Regenbogen“. In der Vergangenheit hatte ich Simmel immer vermieden, da ich davon ausging, dass dies “ keine gute Literatur ist“. Als ich das Buch las, stellte ich fest, dass es ein Versuch ist, die Nazizeit zu verstehen und zwar nicht als etwas unfassbar Schlechtes sondern als etwas, das man gerne verstehen will. Bei den anderen Nachkriegs Autoren, die ich viel gelesen hatte, Günter Grass, Heinrich Böll, Siegfried Lenz sind diejenigen, die mir zuerst eingefallen sind , habe ich den Eindruck, dass diese immer versuchten , es dem Leser ersparen, den Nazi in sich selbst entdecken zu müssen. Der erste Autor, den ich las, der das anders machte, war Jonathan Littell, der Französisch Amerikanisch jüdische Autor. Und selbst dieser ist für seinen Versuch die Nazis von innen zu verstehen, heftig kritisiert worden. „Und Jonny ging zum Regenbogen. Der Roman von Johannes Mario Simmel.“ weiterlesen